Gedanken, Gründe & Meinungen

sind oft (wenn auch nicht immer) ein Ersatz für die tieferliegenden Gefühle, die gerade nicht gefühlt werden wollen.

Was spüren Sie in sich, wenn Sie diesen Satz lesen? Vielleicht einen Widerstand und blitzschnell gedanklich eine Liste von Gründen, warum das nicht stimmen kann oder warum es auch gut ist, eher zu denken als zu fühlen? Etwa wie:

  • Vernunft sollte über die Gefühle siegen.
  • Es ist wichtig, über seinen Gefühlen zu stehen und sachlich zu sein.
  • Ich lasse mich lieber von den sachlichen Gründen leiten, da ich ein intelligenter Mensch bin
  • sich bei Entscheidungen von Emotionen leiten zu lassen ist dumm, denn sie kommen und gehen
  • ich lasse mich nicht gefühlsmäßig manipulieren sondern entscheide stets mit meiner klaren Vernunft

Diese Sätze mögen zum Teil sinnvoll sein – und wir möchten das gerne so von uns glauben. Die Psychologen in unserer Marktforschungs- und Webeindustrie kennen uns jedoch besser. Tatsache ist nämlich, dass die meisten unserer Gedanken, und damit auch unserer Meinungen und Begründungen (erzeugt im Neocortex =Großhirn) durch einen viel stärkeren und  vor allem schnelleren Motor angetrieben werden: Von unseren Instinkten (im Stammhirn=Hirnstamm) und Gefühlen (im limbischen System). Die beiden letzteren Gehirn-Regionen sind evolutionsgeschichtlich 300 – 500 Millionen Jahre alt und haben über diese Zeit ein blitzschnelles, perfekt aufeinander abgestimmtes System entwickelt.

Neurologen sind der Ansicht, dass zuerst – innerhalb einer 3tausendstel Sekunde – diese beiden Regionen „anspringen“. Sie liefern nicht nur eine wesentliche Vor-Bewertung (Freund oder Feind) einer neuen Situation sondern versorgen unser System auch gleich mittels entsprechender Hormone mit dem passenden Gefühl (Angst/ Vorsicht oder entspannte Offenheit, Interesse). Die beiden Hirnregionen sind zwar blitzschnell aber dafür relativ ungenau. Und sie bewerten Neues nur nach möglichst ähnlichen Vorerfahrungen in der Vergangenheit.  Das Großhirn ist evolutionsgeschichtlich noch sehr jung und arbeitet wesentlich langsamer, dafür jedoch viel differenzierter und komplexer. Insofern können Vernunft und Intellekt grundsätzlich durchaus gute Ratgeber sein. Vorausgesetzt, sie werden nicht durch unterdrückte, starke Gefühle unbewusst beeinflusst. In diesem Fall sprechen wir von einem klaren Kopf und einem ruhigen Gemüt.

Doch meistens ist dies – aus meiner Beobachtung – nicht der Fall. Es ist immer wieder spannend, zu beobachten, wie tiefe, starke Gefühle wie Angst, Hoffnung, Liebe verborgen werden, ins Unterbewusstsein verschoben werden. Doch da sie kraftvoll sind wirken sie von dort aus – unbewusst – in unsere Alltags-Entscheidungen hinein. Da sie als Gefühle nicht willkommen sind, steigt die in ihnen wohnende Kraft und Energie buchstäblich in den Kopf. Sie ist immer noch Energie, doch jetzt getarnt als Gedanken, Gründe und Meinungen. Je mehr die darunter liegenden Gefühle unterdrückt sind, desto hartnäckiger werden die Gedanken-Ketten. Und umso härter werden die eigenen Meinungen vertreten. Wir sind im Kopf – bzw. unsere Energie kreist dort, statt im gesamten Körper. Im Kopf produziert sie endlos kreisende Gedanken, die zu keiner Lösung führen sondern sich nur wiederholen. Sie täuschen vor, dass es ein Problem gibt und suchen krampfhaft nach einer Lösung.

Wie können Sie sich helfen?
Der wichtigste Schritt ist, sich erst einmal der unterdrückten Gefühle und Energie bewusst zu werden und sie im eigenen Körper frei und ohne Bewertungen fließen zu lassen. Das braucht etwas Übung, lohnt sich aber. Durch die innere Bewegung der meist instinktiven Gefühle und Empfindungen werden – ebenso instinktive – Körperbewegungen angeregt. Wenn wir uns das  für eine Weile erlauben, beginnt unsere Lebensenergie wieder im gesamten Körper zu zirkulieren. Wir fühlen uns wieder überraschend kraftvoll, genährt und sehr lebendig.

Die letztendliche Entscheidung oder Meinung zu einem Thema findet sich nun oft ohne Grübelei von alleine – im natürlichen und ganzheitlichen Zusammenspiel von Intellekt, Bauchgefühl und Herz. Oft „weiß“ unser Unterbewusstsein ganz genau, was stimmig für uns ist, was der nächste Schritt ist. Doch wir haben Angst vor den möglichen Konsequenzen. Angst ist eine typische Form von festgehaltener, erstarrter Lebensenergie. Gelingt es uns, sie wieder zirkulieren zu lassen, lösen sich die damit scheinbar verbundenen „Probleme“ in Luft auf. Die Kraft der fließenden Gefühle ist es, die uns die Kraft und den Mut gibt, den nächsten Schritt zu tun.

Foto: by Thor/ Flickr,  Lizenz: CC BY 2.0