Sinn und Unsinn von Bewertungen und Urteilen

Voraussetzung jeder Bewertung ist eine Wertvorstellung. Wert-voll ist etwas, das mir wichtig ist und Bedeutung für mein Leben hat. Wert und Wichtigkeit sind – ursprünglich zumindest – stets untrennbar mit der so empfindenden Person verbunden. Genauer genommen: Sie geben Aufschluss über die Beziehung einer Person zu einer Eigenschaft oder einem Umstand. Wenn diese Werte nicht respektiert werden, löst das mehr oder weniger starke Gefühle in der betreffenden Person aus. Und da die Wertempfindungen bzw. Wertvorstellungen erfahrungsgemäss nicht für alle Menschen gleich sind, sind sie offensichtlich auf sie als individuelle Person bezogen und werden von ihr festgesetzt. Das klingt banal – ist es aber nicht, da es in Bezug auf Werte so viele missverständliche Vermischungen gibt, die sehr viel Leid bringen.

Es ist sinnvoll – und vor allem heilsam – einige Unterscheidungen zu treffen. So zunächst zwischen Werte, Bedürfnisse und Strategien.
Während Werte ursprünglich etwas subjektives sind und nicht für alle Menschen gleich sind, gelten echte Bedürfnisse tatsächlich für jede Kultur, jedes Alter, jeden Menschen. Beispiele: Das Bedürfnis nach Schutz, Liebe, Angenommen Sein, Vertrauen haben, Freiheit, Nahrung, körperliche Unversehrtheit. Marshall Rosenberg hat in seiner Gewaltfreien Kommunikation eine ganze Liste echter, menschlicher und allgemeingültiger Bedürfnisse herausgearbeitet.

Die Art und Weise, wie – also mit welchen Mitteln und Möglichkeiten – wir uns diese allgemeingültigen Bedürfnisse erfüllen, nennen wir Strategien. Diese Unterscheidung ist in der zwischenmenschlichen Kommunikation sehr hilfreich. Ein Bedürfnis kann durch vielerlei Stratgegien befriedigt werden. Z.B: Schutz kann sowohl durch Rückzug, Abgrenzung, ja sogar durch deutliche Präsenz erreicht werden. Über das wie lässt sich also streiten, nicht jedoch über das wofür.

Hinter jedem persönlichen Wert (z.B: Zuverlässigkeit) liegen allgemein menschliche Bedürfnisse (z.B. stärkt zuverlässiges Handeln einer Projekt-Partnerin mein Vertrauen). Werte definiere ich hier als eine individuell gewählte Auswahl, eine  persönlich gewählte Priorität: Zuverlässigkeit und Beständigkeit sind mir hier wichtiger als die Flexibilität und Spontanität meines Gegenübers. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es eigentlich keine Un-werte geben kann sondern nur Prioritäten. Es gibt im Leben nichts Unwertes an sich. Es gibt allerdings Handlungen und Ereignisse, die für meine Werte und Bedürfnisse nicht förderlich oder passend sind. Und es wird auch deutlich, dass für jemand anderen (oder in bestimmten Zeiten auch für mich) Flexibilität und Spontanität ihren Platz brauchen –  dann zu Ungunsten von Beständigkeit und strukturierter Planung.

Die nächste wichtige Unterscheidung ist die von Tun und Sein, auf die ich hier näher eingehe. Ich kann ein Verhalten, eine Leistung und eine Handlung beurteilen – als hilfreich oder nicht, als für mich stimmig oder nicht, als lebensfreundlich oder nicht. Leider sind viele von uns aufgewachsen mit Beurteilungen, die sich nicht auf die Sache, sondern scheinbar auf unseren eigenen Wert bezogen. Statt „das Geschirr ist nicht abgespült“ hiess es vielleicht „du bist unordentlich“.  Statt „ich möchte nicht wieder auf dich warten“ hiess es „du bist unzuverlässig“. Statt „ich wünsche mir mehr Offenheit“ kam vielleicht der Vorwurf „du bist verschlossen“, u.s.w. Und schon breitet sich die konstruierte Idee des un-wert-seins aus. Und wenn dieser Idee nach vielen Wiederholungen Glauben geschenkt wird – schleichen sich Gefühle von Traurigkeit, Resignation und Mutlosigkeit ein. Und wenn die Ursache (Einreden von falschen Ideen über sich selbst) nicht erkannt und hinterfragt wird, wächst die Überzeugung, dass man selbst Schuld ist und es keinen Ausweg gibt. Es setzen sich unbewusst geglaubte, negativen Glaubenssätze fest. Byron Katie hat mit „THE WORK“ eine einfache, sehr erfolgreiche Methode entdeckt, diesen Vorgang – der ja ursprünglich gedanklich ist – aufzudecken und wieder umzukehren.

Fazit:
Werte und Bewertungen sind sinnvoll indem sie uns darin unterstützen, uns auf das auszurichten, was uns wichtig, wertvoll und erstrebenswert erscheint. Werte sind individuell festgelegte Prioritäten. Sie sind eng verbunden mit Wünschen und daher zukunftsorientiert und stark zielgerichtet – fokussiert. Um möglichst effekiv und schnell ans Ziel zu kommen und möglichst wenig Zeit mit dem Überprüfen auf Übereinstimmung zu verbringen, werden eine Reihe von gedanklichen Vereinfachungen kreiert. Sogenannte Raster oder gedankliche Schubladen, die die Umgebungseindrücke und Erfahrungen schneller – dafür ungenauer –  aussortieren in passend oder nicht, ja oder nein.

Bewertungen und Wertesystemen liegen allgemein menschliche Bedürfnisse zu Grunde. Es ist hilfreich, sich diese tiefer liegenden eigenen Bedürfnisse bewusst zu werden. Sich mit ihrer innewohnenden Kraft zu verbinden und sie offen zu kommunizieren (mir ist wichtig, dass… es geht mir darum dass…). Ebenso ist es hilfreich, die eigenen Strategien, die wir uns zur Erfüllung dieser Bedürfnisse auswählen, immer wieder auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu verändern.

Bewertungen, die sich nicht auf Ereignisse, Handlungen oder Situationen beziehen sondern statt dessen (scheinbar) auf den Wert von sich oder anderen Menschen – sind unwahre Ideen. Sie verursachen Leiden. Der Wert von anderen Menschen kann (neugierig warum?) nicht gemessen und damit beurteilt werden. Weder im positiven – als Lob versteckt – noch im negativen – als Tadel. Hinter Bewertungen, die sich auf sich selbst oder andere Menschen beziehen, sind manipulative Absichten verborgen. Bewusst – oder unbewusst soll dieser Mensch etwas tun, wieder tun oder lassen. Bewertungen sind somit ein verbreitetes Mittel, um Menschen zu erziehen, nach dem eigenen Plan zu beeinflussen und damit zu beherrschen.

Sich anzumassen, den scheinbaren Wert von Menschen (einschliesslich sich selbst) bewerten zu wollen und zu können ist in sich selbst eine Strategie. Diese Strategie dient einerseits dazu, sich seinen eigenen Gefühlen nicht zu stellen. Denn Bewertungen erzeugen einen gedanklichen, dennoch sehr wirkungsvollen Abstand (Dissoziation) zu unseren eigenen Gefühlen und Empfindungen. Anstatt uns und andere Menschen zu fragen, wie es uns gerade geht, was wir fühlen und was wir mit unserem ganzen Körper empfinden, wonach wir uns sehnen – wird die Aufmerksamkeit umgelenkt. Und die Energie, unsere Lebensenergie, folgt der Aufmerksamkeit. Diese ist in diesem Fall stark bei der anderen Person, wenn auch negativ. (Beispielsätze: Du bist… zu…).

Auf der anderen Seite verlieren diese Art von Bewertungen dadurch immer mehr den Bezug zu unseren eigenen, wahren, tiefen Bedürfnissen und kraftvollen Sehnsüchten. Sie sind ein zunehmender Verlust dieser so wichtigen Verbindung mit unseren eigenen inneren Kräften. Der Preis für die Verdrängung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse ist also ein sehr hoher Preis, ein viel zu grosses Opfer.

Die auf diese Weise von unserm inneren Empfinden losgelösten Werte werden zu künstlichen Idealen. Diese Ideale müssen, damit sie unerreichbar bleiben, immer höher gesetzt und verbissener verfolgt weden. Unerreichbar, damit die darin enthaltene Illusion (wenn du mich erreichst wirst du glücklich sein ) nicht wie eine Seifenblase platzt. Die Geschichte lehrt uns, dass diese Ideale, je höher sie gesteckt werden, schließlich zu einem gefährlichen Ideen-Gebäude heranwachsen können, dem mehr und mehr an lebensnahen Werten geopfert wird. Und dessen Un-Sinn umsomehr mit allen Mitteln verteidigt werden muss, um die größe des eigenen Opfers zu rechtfertigen. Und die damit verbundene tiefe Trauer und eigene Sehnsucht nach der  – stets möglichen – Rückverbindung nicht zu spüren.

Werte, die unser Leben tatsächlich bereichern, empfinden wir auch tatsächlich als Bereicherung. Sie dienen spür- und fühlbar der Erfüllung der echten menschlichen Bedürfnisse wie Freude, Enstpannung, Frieden. Nicht nur für uns selbst sondern auch für andere, und nicht als blosse Idee. Unsere Gefühle können uns auch hier wieder zeigen, ob wir auf dem richtigen Weg sind oder uns eher in gedanklichen Ideen verirren. Fühlen wir uns weiter und freudiger auf unserem Weg oder eher enger, trauriger?